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Schweizerische Orchideenstiftung
am Herbarium Jany Renz


Dr. Christoph Noelpp
St. Jakobs-Strasse 30
4002 Basel
Schweiz

© 2015 Swiss Orchid Foundation

botinst
Botanisches Institut
Universität Basel

Ursprung und Verwandtschaftsbeziehungen der Orchideen

Phillip Cribb, Royal Botanic Gardens, Kew

Deutsche Übersetzung von Eva Maria Wild und Heiko Hentrich

Abb. 1 (Bild von Robert H. Mohlenbrock hosted by the USDA-NRCS PLANTS Database /
USDA SCS. 1989. Midwest wetland flora:
Field office illustrated guide to plant species.
Midwest National Technical Center, Lincoln.)

Die Orchideenfamilie (Orchidaceae) zeigt eine der spezalisiertesten Evolutionslinien der Blütenpflanzen. Vermutlich stammen sämtliche Orchideen von Hypoxis-ähnlichen Vorfahren (Hypoxidaceae, Abb. 1) ab, welche sechs Blütenblätter (sogenannte Tepalen - drei Tepalen des äusseren Kreises, Sepalen genannt, und drei Tepalen des inneren Kreises, Petalen genannt) und sechs Staubblätter (wieder je drei in einem äusseren und inneren Kreis) besassen. Man kann mehrere Entwicklungstendenzen in der morphologischen Spezialisierung während der Evolution und Entstehung der verschiedenen Orchideengruppen beobachten. Eine Reduktion der Staubblattanzahl und die Verschmelzung des oder der verbliebenen fruchtbaren Staubblattes oder -blätter mit dem Stempel ist jedoch die wichtigste generelle Veränderung der Blüte, welche zur Evolution der Familie beigetragen hat. Die schrittweise Reduzierung der Staubblattanzahl hat zur Bildung von Orchideengruppen mit drei, zwei oder einem übriggebliebenen Staubblatt in der Blüte geführt. Mehr als 99% aller Orchideenarten haben nur ein Staubblatt, was eines der Hauptmerkmale der Orchideenfamilie ist. In den neuesten taxonomischen Untersuchungen werden die monandrischen Orchideen (Mondandrae, mit einem Staubblatt) gewöhnlich in drei Unterfamilien aufgeteilt: die Vanilloideae, die Orchidoideae und die Epidendroideae. Bei den monandrischen Orchideen spielt das in der Mitte liegende Kronblatt (die Lippe) für den Bestäuber normalerweise die Rolle einer Landeplattform. Sie kann darüber hinaus zum Anbieten von Lockmitteln wie Nektar dienen und einen passenden Weg zum Staubbeutel darstellen.

Gegenwärtig werden fünf Unterfamilien bei den Orchideen anerkannt:

Apostasioideae

Die Orchideen der Gruppe der Apostasioideae gelten als die primitivste Orchideengruppe. Ihre Blüten haben zwei bis drei Staubblätter und die Gruppe setzt sich aus zwei Gattungen zusammen: Apostasia (Abb. 2) und Neuwiedia (Abb. 3) mit etwa 16 Arten. Alle Arten sind terrestrische Orchideen des tropischen Asiens, der angrenzenden Inselgruppen und des nördlichen Australiens. Ihre Blüten sind nahezu regelmässig und ähneln ein wenig denen der Gattung Hypoxis.

Abb. 2 Abb. 3

Cypripedioideae

In der zweiten Gruppe, der Unterfamilie Cypripedioideae, befinden sich ebenfalls noch zwei Staubblätter in den Blüten. Sie werden volkstümlich Frauenschuh-Orchideen genannt und stellen eine eigene Abstammungslinie dar. Diese Unterfamilie besteht aus fünf Gattungen: Cypripedium (Abb. 4), Mexipedium (Abb. 5), Paphiopedilum (Abb. 6), Phragmipedium (Abb. 7) und Selenipedium (Abb. 8), mit ca. 150 Arten. Die Unterfamilie ist weit verbreitet und kommt in Eurasien, Nordamerika und in den südamerikanischen Tropen vor.

Abb. 4 Abb. 5 Abb. 6 Abb. 7 Abb. 8
Abb. 9 © Hans Bänziger

Bei den Frauenschuhen sitzt jeweils eine fruchtbare Anthere an jeder Seite der Säule. Das zentrale Staubblatt ist unfruchtbar und befindet sich an der Spitze der Säule. Es ist eigenartig zu einem großen, schildartigen Organ umgebildet, dem Staminodium, das den direkten Zugang des Bestäubers von der Vorderseite zum Zentrum der Blüte verhindert (Abb. 9). Die zwei anderen Staubblätter sind hinter dem Staminodium versteckt. Die sackförmige Lippe der Frauenschuhorchideen hat sich zu einer Falle für die Bestäuber entwickelt. Die Innenseiten der Lippe sind sehr rutschig, jedoch bilden viele Haare an der inneren Rückwand eine Art Leiter (Abb. 9). Diese führt unter der gestielten Unterseite der Narbe (ventral) hindurch zu einem von zwei Ausgängen an der Lippenbasis, welche sich auf jeder Seite der Säule befinden. 

Vanilloideae

Die vanilloiden Orchideen sind eine kleine Gruppe, zu welcher auch Vanilla, eine Gattung mit ca. 70 lianenförmigen Orchideen, gehört. Die Blüten dieser Unterfamilie haben eine einzige Anthere, die endständig auf der Säule sitzt. Die Gruppe besteht aus etwa 16 Gattungen mit ungefähr 200 Arten, die eine überwiegend tropische Verbreitung aufweisen.

Orchidoideae

Die Orchideen der Gruppe Orchidoideae sind meistens terrestrisch mit Knollen oder fleischigen Rhizomen. Zu ihnen zählen die meisten Orchideen Europas und des Mittelmeergebiets, darunter auch der Gattungstypus Orchis (Abb. 10) und die Ragwurzen (Ophrys, Abb. 11). Weiterhin gehören auch die Orchideen der gemäßigten Klimazonen Nord- und Südamerikas, die terrestrischen Arten Afrikas und Madagaskars sowie die Arten der gemässigten Zonen Australiens hinzu. Die Blüten dieser Unterfamilie besitzen ebenfalls nur eine endständig an der Säule sitzende Anthere.

Abb. 10 Abb. 11

Epidendroideae

Die grösste Gruppe stellen die Epidendroideae, die überwiegend epiphytisch oder lithophytisch wachsen. Zu ihnen zählen alle auffälligen tropischen Gattungen wie Cattleya (Abb. 12), Oncidium (Abb. 13), Phalaenopsis (Abb. 14) und Vanda (Abb. 15). Auch hier haben die Blüten nur eine endständig an der Säule sitzende Anthere. In dieser Unterfamilie treten zwei verschiedene Wuchsformen auf: bei der einen endet der jährliche Zuwachs mit einem Blütentrieb. In der nächsten Saison treibt ein neuer Trieb am Ansatz des Alten aus (sympodiale Wuchsform). Bei der anderen kommt es zu einem kontinuierlichen Sprosswachstum, bei dem die Blütentriebe seitlich entspringen (monopodiale Wuchsform).

Abb. 12 Abb. 13 Abb. 14 Abb. 15